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Seltsame Ängste... Zwischen Phantasie und Wirklichkeit

Als ich 1995 im Familienkreis Abschied nahm, habe ich meinen Eltern, meinen Geschwistern und meinen Verwandten gesagt: „Das Schönste, was ich während meiner Priesterausbildung im Priesterseminar meiner Heimat, Ledalero - Flores, gehört habe, war das neue Bild von unserem gütigen Vater im Himmel." Ich kann mich noch heute gut daran erinnern, welche abschiedsbotschaft ich den Eltern mitteilen wollte und wie meine Gefühle und Gedanken waren, kurz vor meiner ersten Reise ins Ausland, eine Reise von dem kleinen Dorf meiner Geburt auf der kleinen Insel Flores in die weite Welt! Dort war mir alles vertraut, aber in der Fremde alles unbekannt. Ich fühlte mich wirklich wie ein Fremdling!

Es war aber nicht nur meine Traurigkeit und die Wehmut, die den Abschied bestimmten, sondern vor allem die inneren Ängste, innere unbestimmte Gefühle vor der neuen Zukunft, die mich damals sehr stark prägten. Ich konnte kein Deutsch, obwohl ich deutsche Missionare und deutsche Lehrer kennengelernt hatte. Aber deutsche Menschen und Deutschland waren etwas ganz anderes. Ich hatte Angst! Denn ich glaubte, die Deutschen seien streng, fleißig und könnten viel. Es schien mir, sie seien die großen Meister und die unfehlbaren Lehrer. Sie könnten alles. Ich aber fühlte mich ihnen gegenüber ganz klein, arm und bescheiden. Ich hatte wenig Ahnung von den Menschen im fernen Deutschland. Meine innere Not bestand in der Sorge, ob ich in Deutschland überhaupt leben kann. Denn meine Insel nennt sich Nusa Indah, schöne Insel, und dort hatte ich liebe Menschen, die ich verlassen mußte. Ich hatte ferner Angst, weil ich von Ausländerfeindlichkeit in Deutschland gehört hatte. Seltsame Ängste trieben in meiner Phantasie und meine Träumen ihr Spiel. Trotz dieser inneren Ängste und Konflikte habe ich meinen Angehörigen nichts davon gesagt. Ich habe geschwiegen. Doch die neue Botschaft meiner geistlichen Erfahrung im Seminar hat mich damals getragen. Und das habe ich als meine Überzeugung meinen Eltern und Geschwistern und Verwandten im Dorf gesagt: „Das Schönste, das ich während der Priesterausbildungszeit bis heute erfahren habe, ist dies: ich darf an einen Gott glauben, den ich bisher so noch nicht kennengelernt hatte. Er ist ein Gott, der mich liebt und der von mir zunächst nichts verlangt. Ich darf immer wieder zu Ihm mit meiner Stärke und in meiner Schwachheit kommen. Er ist kein Aufseher, kein Aufpasser und kein Richter, der mich ständig beobachtet und mich richtet oder straft. „Mit diesem Gott", erzählte ich damals weiter, „werde ich in einem fremden Land einen Teil meines Lebens verbringen. Mit diesem Gott habe ich auch genügend Mut, von euch, meinen Eltern, Abschied zu nehmen. Auf diesen Gott werde ich mich verlassen, ihm will ich vertrauen, auf ihn mich einlassen. Denn er ist ein Gott mit uns." Jetzt sind es schon fast fünf Jahre her, daß ich diese meine Überzeugung vor meinen Eltern und Verwandten zum Abschied ausgesprochen habe. Inzwischen hat sich viel in meinem Leben verändert. Ich habe die schwierige Phase am Anfang meines Aufenthalts in Deutschland durchgestanden. Aber eines hat sich bei mir nicht verändert. Wenn jemand mich heute fragen würde: „Was hast Du in Deutschland am schönsten gefunden?", wage ich ihm dies zu sagen: „Ich bin sehr dankbar dafür, daß ich zu meinem Gott, von dem ich damals in noch schwacher Überzeugung zu meinen Familienangehörigen gesprochen habe, bis heute stehe und diesen Glauben nicht verloren habe.“ Oder besser gesagt: „Ich bin sehr dankbar dafür, daß Gott mich immer noch in liebevoller Weise als seinen geliebten Sohn betrachtet.“ Ich habe mich oft gefragt: „Warum mich? Warum gerade mich?“ Ich konnte mir keine sichere Antwort auf diese Frage geben. Aber ich bin davon überzeugt: Er ist immer derjenige, der mich kennt und trotzdem niemals enttäuscht ist. Er ist ein Freund, der mich annimmt, so wie ich bin. Dieses Wissen ist eigentlich ein entscheidendes Wissen, das mich vor dem Sturm der alltäglichen Unsicherheiten und Ängste beschützt. Es ist ein Licht in der Dunkelheit des Alltags, das mich aus der Sackgasse des Lebens zu neuen Wegen führt. Das ist wirklich ein Trost, der mir in meinen Verzweiflungen und Enttäuschungen neuen Mut schenkt, und es ist zugleich ein Halt in Zeiten der Krise.

Ich habe eben ein wenig aus meinem Leben erzählt. „Warum gerade mich?“ Viele Antworten könnte man auf diese Frage geben. Ich glaube aber, eine wesentliche ist, daß all das letztlich gelungen ist, weil einer mitgegangen ist, der mir mein Leben geschenkt hat und mich begleitet. Beim Nachdenken fallen mir auch viele Menschen ein, die mich - wenigstens ein Stück des Lebensweges - begleiten und die mir geholfen haben, dieses Leben zu bestehen: meine Eltern, meine Erzieher, meine Freunde, meine Mitbrüder; auch solche Menschen, die mich kritisierten, die mir dadurch zeigten, was ich falsch gemacht hatte. Ich erinnere mich an Menschen, die mitgeholfen haben, dass das Leben schön ist, die mit mir lachten und sich freuten. Ich bin dankbar für diese Menschen.

Mag sein, daß dies alles vielleicht so einfach klingt! Und ich muß ehrlich gestehen, daß es auch bei mir Augenblicke gib, wo ich diese Grundüberzeugung in Frage stelle. Denn manchmal ist es schwierig, an einen liebenden Gott zu glauben. Aber ich denke, man darf, ja man kann trotz allem im Vertrauen auf Gott leben. Allerdings ist es ein lebenslänglicher Prozeß, den der Mensch als die wichtigste Aufgabe betrachten soll, Gott mehr und in der Liebe tiefer zu erkennen. Sonst wäre unser Leben nur ein langweiliger Übergang von der Geburt hin zum Tod; und die so menschlichen Dinge wie Arbeiten, Sorgen und Mühen, ja Plagen, wären ein tristes Leben, das auch durch mancherlei Feste mit Essen und Trinken bald sinnlos werden kann, wenn der Mensch ohne Gott lebt.

Arnold Manuk SVD